Schnitt



  • „Die Vollendung gehört dem Schnitt. Das ist eine enorme Verantwortung. Jede kleinste Entscheidung verändert den Kurs, sogar den Kurs der Geschichte. Und das ist ein gewaltiger Prozess – sehr schön.“


    Mathilde Bonnefoy, französisch-deutsche Cutterin (Lola rennt, Der Krieger und die Kaiserin, The International), zitiert aus Schnitte in Raum und Zeit (DVD)

  • Notizen und Gespräche zu Filmmontage und Dramaturgie

    Ein MUSS für jede/n Cutter/in: Gabriele Voss behandelt die Kunst des Schnitts – insbesondere des Dokumentarfilms – so ausführlich und betrachtet diese aus so vielen Blickwinkeln, wie noch selten jemand in der deutschsprachigen Literatur. Während dies meisten Bücher sich mit der Schnitt-Technik beschäftigen, interessiert sie die ganz grundlegenden Fragen: Was passiert mit uns, wenn wir etwas sehen? Warum verstehen wir einen Schnitt überhaupt? Wann „muss“ man schneiden, wann nicht? Was ist Montage? Zur Beantwortung dieser und vieler anderer Fragen hat Gabriele Voss eine beachtliche Gruppe von Experten interviewt: neben dem wohl prominentesten, dem Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge (Kapitel „Die Kategorie im Zusammenhang“) sprach sie auch mit Wolf Singer (Leiter der Hirnforschung am Max Planck Institut, Frankfurt/Main) über das „sehen verarbeiten“. Das Kernstück des Buches sind jedoch für mich die Ansichten der interviewten erfahrenen Cutter/innen Raimund Barthelmes, Peter Przygodda, Beate Mainka-Jellinghaus, Barbara Hennings, Thomas Giefer, Brigitte Kirsche, Bettina Böhler, Elfi Kreiter, Mathilde Bonnefoy, Heide Breitel und Wolfgang Widerhofer, die Voss zu einem virtuellen Gespräch miteinander verknüpft und dadurch auch sehr widersprüchliche Meinungen nebeneinander stehen lässt. Und genau das beweist, worum es beim Schnitt auch immer geht: neben Atem und Rhythmus, Wahrnehmung und Empfindung, Chaos und Ordnung auch um die privaten Erfahrungen und die eigene Haltung des Cutters.
    Ein Jahr nach dem Buch ist auch eine Doppel-DVD gleichen Titels erschienen, die die wesentlichen Stellen der Interviews zusammenfasst und mit entsprechenden Filmmaterial anschaulich kombiniert, was natürlich ein Vorteil des visuellen Mediums gegenüber dem geschriebenen Wort ist. Ich hab mir beides zugelegt – Empfehlung!
    Buch (19.-€, 252 Seiten, Verlag: Vorwerk 8, 2005) und
    Doppel-DVD (31.-€, 74 min, Studio: Alive, 2006) bei Amazon.de



  • „Film editing is now something almost everyone can do at a simple level and enjoy it, but to take it to a higher level requires the same dedication and persistence that any art form does.“


    Walter Murch, Editor von Apocalypse Now, The Godfather III, The English Patient, Cold Mountain


  • Filmeschneiden wird häufig mit dem Zusammensetzen eines riesigen Puzzles verglichen. Für mich ist der Vergleich nicht so zutreffend, da es ja nur eine Möglichkeit gibt, die Teile eines Puzzles zusammenzusetzen. Ich finde Legobauen eine viel bessere Analogie: die Anzahl und Art der Bausteine ist vorgegeben (das Rohmaterial) und geben den Rahmen vor, in dem man agieren kann, um seine – die einzig „richtige“ von Milliarden möglichen – Version zusammenzustellen…
    Als Kind war Lego mein Lieblingsspielzeug, und zwar mit Abstand, und das sehr lange – tja. Hat meine Lieblingsbeschäftigung im Kindesalter unterbewusst meine spätere Berufswahl beeinflusst? Hat die Lust am Entdecken der Essenz des Rohmaterials mit dem ewigen Kramen im riesigen Legohaufen zu tun? Das Kribbeln im Kopf beim ersten „Spüren“ der Geschichte des Films nach der Rohmaterialsichtung mit der plötzlichen Lego-Bauidee, ausgelöst durch einen einzigen Baustein?
    Natürlich werden bei diesem Vergleich viele Bereiche des Filmschnitts nicht berücksichtigt – Dramaturgie, Kontinuität, Atmosphäre usw. – aber Aussenstehende sind meist von der Fülle des Materials erschlagen, und da muss man nun mal durch, sonst kommt man gar nicht bis zu dramaturgischen Entscheidungen usw. In Zeiten immer knapperer Budgets, zumindestens bei TV-Produktionen, fehlt leider immer öfter die Zeit – und häufig auch das Verständnis von Seiten der Produzenten – für gründliches Sichten des Rohmaterials am Beginn des Schnittprozesses. Aber wie soll man eine noch nie da gewesene Weltraumstation bauen, wenn man die spacigsten Teile gar nicht entdeckt hat?

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