Ein Buch, das sich langsam anschleicht, um einen dann nicht mehr loszulassen: Susan Sontags 2005 posthum bei Hanser erschienene Essay-Sammlung „Worauf es ankommt“ enthält nicht nur literarische Beobachtungen ihr liebgewordener Schriftsteller, sondern auch Spannendes zum Thema Wahrnehmung im Allgemeinen und Film & Kino im Speziellen.

So zeigte mir ihre Analyse von R.W.Fassbinders TV-Mehrteiler von Alfred Döblins Alexanderplatz einen Vorteil des Mediums Fernsehen gegenüber dem Kino: wo noch hat man 15 Stunden Zeit, um eine Geschichte zu erzählen? Ihre begeisterte Betrachtung des Malers Howard Hodgkin macht so richtig Lust, sich bildender Kunst ohne „Erfahrung“ neu zu öffnen und der Wahrnehmung des Blicks freien Lauf zu lassen. Im Essay „Ein Jahrhundert Kino“ warnt sie davor, das Kino zu einer dekadenten Kunst verkommen zu lassen.
Im dritten Teil („Dort und hier“) geht Sontag auch auf die Thematik des Übersetzens ein und bringt interessante Überlegungen, die auch für die Arbeit des Dokumentarfilmemachers relevant sein können. Sich auf die Übersetzung ihrer eigenen Werke beziehend schreibt sie abschliessend, „Ich wünschte, ich könnte vom Versuch ablassen, die Wörter, die eigenen Sätze, das Englische, durchschimmern zu sehen.“
Hier findet sich auch jene Story, die mich persönlich am meisten berührt hat: Susan Sontag inszenierte 1993 Becketts „Warten auf Godot“ im zerschossenen Nationaltheater der belagerten Stadt Sarajewo. Dabei beschreibt sie den absurden Alltag der Proben – kein Strom, kein Wasser, nur Kerzenlicht; draußen Granatenfeuer; Schauspieler, die körperlich so schwach sind, dass sie sich bei jeder Gelegenheit hinlegen müssen; das unausgesprochene „Warten auf Clinton“ – pragmatisch und doch so eindringlich, dass einem der Atem wegbleibt.


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