Dokufiktion, A 2013 | 45 Minuten, Stereo, Cinemascope | Regie: Jan & Anna Groos | Mit Andrea Clausen, Christian Dolezal, Andreas Patton u.a. | Kamera: José Lorenzo Wasner, Alex Haspel | Ton: Axel Traun | Schnitt: Gernot Grassl | Musik: Mario Dancso

„Das ist es, was immer mit den Menschen los und mit den Tieren nicht los ist.“ ist ein Film über eine verschollene junge Frau, die vor ihrem Verschwinden mehrere Identitäten gelebt hat. Die Dokufiktion erzählt die Geschichte der Vermissten und der sie umgebenden Personen und fügt diese zu einem Kaleidoskop der Lebensentwürfe. Mögen die Konzepte im Einzelnen sehr unterschiedlich sein, so gilt es doch hier wie dort eine tragfähige Konstruktion für den Sinn im eigenen Leben zu finden. Denn: „Das ist es, was immer mit den Menschen los und mit den Tieren nicht los ist.“
(Aus der Pressemappe der Groos Produktion)

Dieser Film ist einer der ungewöhnlichsten, die ich bisher geschnitten habe. Produktionstechnisch ganz klar als Spielfilm einzuordnen – mit Drehbuch und genau gescripteten Interview-Aussagen – tritt er dem Zuschauer gegenüber optisch und formal als Dokumentarfilm auf: die zurückgelassenen Freunde und Bekannten der Vermissten erzählen in Interviewform die Geschichte, mehrere Schauplätze werden dokumentarisch erfasst. Dass dieses Konzept aufgeht, liegt meiner Meinung nach vor allem am ausgefeilten Drehbuch und an der tollen Leistung der Schauspieler. Es war nie die vorrangige Intention des Filmemacher-Geschwisterpaares Jan & Anna Groos, das Publikum „reinzulegen“. Das ist es… ist keine Fake-Doku oder Mockumentary, die glaubhaft machen will, dass alles im Film „echte“ Fakten seien. Und doch erzeugt dieser Doku-Stil beim Betrachten des Films eine Ungewissheit, die sich aus der angelernten Sehgewohnheit speist, dass Dokumentarfilme so etwas wie Realität darstellen. Und genau dieses Hinterfragen des Prinzips der dokumentarischen Wahrheit gibt den idealen Rahmen für die zentrale Frage dieses Films: was ist überhaupt Identität?

War das Lebensmodell der Vermissten ein avantgardistischer Versuch, das Korsett der Identität zu sprengen oder doch nur ein rücksichtsloser Egotrip? War sie Wegbereiterin einer Gesellschaft, in der es nicht länger darum geht, seinen Lebenslauf als den strahlendsten und besten zu verkaufen? Einer Gesellschaft, in der man von dem Druck befreit ist, „jemand zu werden“? Oder hat sie nicht viel eher eine Funktionslogik von Vielseitigkeit, Flexibilität und Selbstoptimierung auf die Spitze getrieben, rücksichtslos gegenüber den Gefühlen anderer?
(Aus der Pressemappe der Groos Produktion)


Beim Ablauf der Schnittarbeit gingen wir ganz konventionell vor: zunächst Schnitt der dramaturgischen Reihenfolge strikt nach Drehbuch (um das Drehbuch einmal zu „sehen“), was recht flott vonstatten ging. Dann folgte mehrfachesUmstellen, Diskutieren, Ändern, Kürzen etc. Die Diskussionen rund um diese dramaturgischen Entscheidungen waren sehr fruchtbar und lehrreich und konnten manchmal bis zu 7 Stunden dauern. Diese Zusammenarbeit mit Jan & Anna Groos war in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich für mich: zum einen die genaue Artikulation ihrer Vorstellungen zum Film und ihre präzisen Fragen rund um dokumentarische Konventionen. Zum anderen die Kommunikation bei der Schnittarbeit: da sich Regisseurin Anna während der gesamten Schnittzeit in Kopenhagen aufhielt, ging dieser Arbeitsmodus auch nur mit „modernen“ technischen Hilfsmitteln – Skype und iChat sei Dank.

Heute Abend feiert der Film seine Welturaufführung beim Max Ophüls Preis 2013 ins Saarbrücken und ist in der Kategorie „Mittellanger Film“ nominiert. Toi toi toi!
Mehr zum Film: www.groosproduktion.com
Zum Wettbewerb: www.max-ophuels-preis.de

 

 

 


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